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Tagungsbericht vom Germersheimer Symposium 1983

Vom 30. September bis 2. Oktober 1983 fand am Fachbereich Angewandte Sprachwissenschaft (FAS) der Johannes Gutenberg-Universität in Germersheim das Symposium "Moderner Chinesischunterricht in der Bundesrepublik Deutschland einschließlich Berlin (West)" auf Einladung der Chinesischen Abteilung statt. Zwei Tage lang referierten und konferierten 35 Vertreter der Universitäten Berlin (Freie Universität), Bochum, Bonn, Erlangen-Nürnberg, Göttingen, Hamburg, Heidelberg, Karlsruhe, Konstanz, Mainz und Nanking (VR China), des Instituts für Chinesische Sprache (Sinicum) in Bochum, der Volkshochschule Saarbrücken, des Auswärtigen Amtes und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (Bonn) im repräsentativen Konferenzsaal der Dolmetschanlage. Organisator und Veranstalter war Dr. Peter Kupfer, Dozent für Chinesisch am FAS, der die Tagung am Freitagnachmittag mit dem Bericht "Zur Situation des Chinesischunterrichts in der Bundesrepublik" eröffnete.

Modernes Chinesisch, Muttersprache von rund einer Milliarde Menschen (Englisch: "nur" 350-370 Millionen) und eine der fünf offiziellen Amtssprachen der UNO, wird nach einer vorläufigen Erhebung z.Zt. in der Bundesrepublik von mehr als fünfzig Lehrkräften an mindestens 21 Universitäten, in den meisten Fällen als Teil des Faches Sinologie, vermittelt. Chinesischkurse werden außerdem an einigen öffentlichen Institutionen - am bekanntesten ist wohl das Sinicum in Bochum - , in mehreren Volkshochschulen und sogar an einem Gymnasium in München angeboten. Am FAS Germersheim wurde 1980 erstmals auf universitärer Ebene das Studienfach ‘Chinesisch für Diplom-Übersetzer’ (vorerst noch als Nebenfach) eingerichtet. Grob geschätzt gibt es gegenwärtig insgesamt etwa 1.500 Chinesischlernende in der Bundesrepublik, von denen aber nur ein Bruchteil die Sprache effizient beherrscht - eine bedauerliche Bilanz angesichts des zunehmenden wirtschaftlichen und kulturellen Austausches mit der Volksrepublik China und im internationalen Vergleich: In Japan lernen ca. eine Million Chinesisch, in den USA sind es etwa 10.000 und in Frankreich nahezu 2.000.

Am Beispiel des Thailändischen charakterisierte und kritisierte Dr. Manfred Kummer (Bonn) am ersten Abend die noch sehr rückständige Unterrichtssituation der sogenannten "exotischen" oder "Orchideensprachen" hierzulande. Den ganzen Samstag über bis spät in die Nacht und am Sonntagvormittag wurden von lebhaften Diskussionen begleitete Beiträge referiert, die sowohl Einzelthemen der Unterrichtspraxis, etwa zur chinesischen Phonetik (Prof. J.W. Chiao/Heidi Brexendorff, Bonn) und Grammatik (Dr. Ning-ning Loh-John, Bochum),als auch Probleme der Lehr- und Lernmethoden behandelten. Vorschläge zu einer grundsätzlichen Neuorientierung und Reform des Fremdspachenunterrichts im allgemeinen und des Chinesischunterrichts im speziellen wurden von Bo Yixian (Bochum), Petra Müller (Heidelberg), Prof. Friedhelm Denninghaus (Dortmund) und Dr. Peter Kupfer (Germersheim) vorgetragen. Eine kritische Bestandsaufnahme der Entwicklung von Chinesisch-Lehrwerken in der VR China machte Anton Lachner (Bochum), ergänzt durch Prof. Helmut Martins (Bochum) Ausführungen zu in Japan erschienenen Lehrbüchern der chinesischen Sprache und durch eine kleine Ausstellung von Veröffentlichungen der letzten Jahre. Neue Projekte, einen Hörverständniskurs für Rundfunknachrichten und einen ‘Atlas der chinesischen Zeichenschrift’, stellten Heinz Riedlinger (Bonn) und Klaus Stermann (Berlin) vor. Faszinierende Perspektiven eröffnete das Projekt der Göttinger Arbeitsgruppe "Sinologie und EDV" zur Computerverarbeitung chinesischer Schriftzeichen für Lehr- und Lernzwecke, das in einem kurzen Videofilm und an einem Informationsstand vorgeführt wurde. Das besondere Interesse der Teilnehmer, vor allem auch der anwesenden Chinesischstudenten des FAS, erregte die Demonstration einer Lektion aus dem geplanten Chinesisch-Videokurs des Bochumer Sprachlehrforschers Prof. Denninghaus, der den Tagungsteilnehmern die Kooperation zu diesem Vorhaben anbot.

Angesichts der unaufhaltsam wachsenden Bedeutung der chinesischen Sprache im internationalen Verkehr und dringender, nur noch gemeinsam zu bewältigender Aufgaben beschlossen die Tagungsteilnehmer auf der Schlußsitzung am Sonntagmittag, die "Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Chinesischunterrichts in der Bundesrepublik Deutschland (AFCh) zu gründen. Zu ihren Zielen gehören die Verbesserung, Koordinierung und Konsolidierung des modernen Chinesischunterrichts in der Bundesrepublik, die Erfassung und Ausarbeitung von Lehrmaterialien und Unterrichtsprogrammen sowie Kontakte mit China und anderen Ländern. Sie wird ein, vorläufig noch unregelmäßig erscheinendes, Mitteilungsheft "Chinesischunterricht" herausgeben, in dem u.a. auch die Beiträge dieser Tagung publiziert werden sollen. In der Nachfolge der 1979 an der Freien Universität Berlin durchgeführten Konferenz ‘Modernes Chinesisch an deutschsprachigen Hochschulen’ und dieser Tagung in Germersheim wird die AFCh ab 1984 alljährlich eine solche Begegnung veranstalten.

Ein wichtiges Anliegen der neugegründeten Arbeitsgemeinschaft ist die Einführung der Fremdsprache Chinesisch an Gymnasien in einzelnen Bundesländern. Eine diesbezügliche Resolution an die betreffenden Kultusminister wird vorbereitet.

Germersheim, den 3. Oktober 1983

Dr. Peter Kupfer